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"Das gibt es nur in Baden!" ist das Forum für die (künftigen) Leser des Buches von Matthias Kehle und Patricia Keßler, erschienen im Silberburg-Verlag (Tübingen). Mit "Outtakes", Neuigkeiten, Ergänzungen und Allerlei rund um Baden-Württembergs schönere Hälfte. Selbstverständlich nicht nur für Badener!


Dienstag, 10. November 2015

"Nur Badener schätzen noch die badischen Löcher" - Die badische Aktenlochung

Auf die "badische Aktenlochung" machte uns der Redakteur der "Badischen Neuesten Nachrichten", Rainer Haendle, aufmerksam. Er sandte uns auch den untenstehenden Artikel - leider ohne Datum - zur Veröffentlichung (danke!).
Aktuelle Informationen bietet: Wikipedia.

Badische Beamtenlochung erspart schwäbisches Quadrangulieren

Immer weniger Behörden ordnen ihre Akten nach alter Weise 

Nur noch ein Ettlinger Mechanikermeister stellt die Locher her


Karlsruhe. Sie durchbohren Heiratsverträge und Protestnoten. Schuldscheinen geben sie Halt und fürstlichen Erlassen. Dabei haben sich die beiden kaum mehr als einen Millimeter dicken Löcher reichsweit, später bundesweit einen Namen gemacht bei allen ordentlichen Beamten. Und jetzt, nach Jahrhunderten, will ausgerechnet ein badischer Abgeordneter der badischen Aktenlochung den Garaus machen. Bernhard Amann, einstiger Republikaner und jetzt fraktionslos im Stuttgarter Landtag, hat das Innenministerium aufgefordert zu prüfen, ob die badische Art, Akten zu verwahren, "noch zeitgemäß" ist.

Ministerialdirektor Klotz beschied den eifrigen Petenten aus Stutensee abweisend. Schließlich sei es Sache der einzelnen Behörden, über ihr Ablagesystem zu befinden. Doch weiß man in Stuttgart. daß die beiden feinen Löchlein am linken oberen Rand behördlicher Schriftstücke kaum mehr in Mode sind. "Leitzordner sind gefragt", plaudert eine Sekretärin, die für die Beschaffung von Büromaterial zuständig ist. Nur manche Grundbuchämter und die Justizbehörden lochen ihre Ergüsse auf Papier noch badisch. Was nicht ganz verständlich ist, "denn etwas Besseres kann man gar nicht machen", meint Dr. Herwig John vom Generallandesarchiv in Karlsruhe.

Durch die beiden Löcher im Abstand von drei Zentimetern wird ein reißfester Faden gut geschnürt. So gut, daß das Papier nicht beschädigt wird. Auf diese Art, so wissen Historiker, lassen sich die Papierbündel ideal durchblättern, keine Textpassage bleibt verborgen. "Und weil die Schnürchen hinten geknotet sind, werden die neuesten Schriftstücke von unten her gestapelt", erklärt John. Das Bündel läßt sich damit lesen wie ein. Buch. Im Gegensatz zum modernen Aktenordner.

Die badische Art, Papiere zu schnüren, ist jahrhundertealt. Noch penibler, aber auch umständlicher gingen nur die Preußen vor, die ihre Schriften regelrecht zusammennähten. In Württemberg war man dagegen schwäbisch sparsam. Dort wurden die Blätter einfach lose aufeinandergelegt und bündelweise mit einer Kordel verschnürt, damit keine frische Brise von der rauhen Alb Unordnung in die Amtsstuben bringt. Zudem werden die Papiere mühevoll "quadranguliert", oder mit einfachen Worten: an den Ecken mit Seitenzahlen versehen.

Bei allen Vorzügen, die Tage für die Lochung nach Badner Art sind wohl gezählt. Denn fraglos paßt das Einfädeln nicht mehr in die Zeit der Bürocomputer und Laserdrucker. Und noch etwas anderes wird der Tradition ein Ende bereiten. "Wenn wir unsere Arbeit einstellen, gibt's wohl keine Locher mehr", erzählt der Ettlinger Mechanikermeister Dieter Müller. Sein Nebenerwerbsbetrieb ist der einzige, der noch die klobigen Instrumente herstellt, rund 100 große und 200 kleine im Jahr.

Da die Dinger "so gut wie unverwüstlich" sind, müßte die Nachfrage eigentlich langsam zurückgehen. Aber "zu meinem Erstaunen reißen die Bestellungen nicht ab". Freilich, echten Reibach kann Dieter Müller mit seinem Gewerbe nicht machen. Als vor einigen Jahren die baden-württembergische Sachsenhilfe anlief, witterte der Handwerksmeister kurze Zeit Geschäfte. Aber von ein paar Einzelexemplaren abgesehen blieb das Interesse aus. Nur Badener schätzen noch die badischen Löcher.

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